Mobbing im Kindergarten und in der Schule

Interview mit Dr. phil. Karl Gebauer

Mobbing hat es schon immer gegeben. Vermutlich haben wir nicht wahrgenommen oder wollten nicht wahrhaben, dass schon kleine Kinder zu solchen Verhaltensweisen fähig sind.

Kinderbuch-Couch:
'Mobbing' ist ein Begriff, der heutzutage geradezu inflationär verwendet wird. Ab wann kann man von 'Mobbing' in Kindergarten und Grundschule sprechen?

Dr. phil. Karl Gebauer:
Wir können davon ausgehen, dass Erzieherinnen, Lehrerinnen und Lehrer insgesamt etwas sensibler geworden sind hinsichtlich des Vorkommens von Demütigungs- und Gewaltsituationen. In den letzten Jahren konnten solche Situationen genauer erfasst und beschrieben werden. Von Mobbing sprechen wir dann, wenn ein Kind über einen längeren Zeitraum von anderen Kindern belästigt, schikaniert und ausgegrenzt wird. Mobbingprozesse laufen in der Regel verdeckt ab. Mobber wollen treffen, selbst aber nichts abbekommen. Die Grundstruktur sieht so aus: Von einem Kind gehen aggressive Aktivitäten aus, andere Kinder schließen sich an oder schenken den Ereignissen keine Beachtung. Das Opfer kommt in eine ausweglose Situation. Es fühlt sich verlassen, ist der Situation oft hilflos ausgeliefert und versteht die Welt nicht mehr. Diese Erfahrung ist so umfassend und von einer so großen Brutalität, dass sich ein Opfer alleine nicht aus der Situation befreien kann.

In vielen weiterführenden Schulen werden daher interessierte Schülerinnen und Schüler zu Konfliktlotsen ausgebildet. Von Gewalt und Ausgrenzung betroffene Schülerinnen und Schüler können sich bei ihnen Rat und Hilfe holen. Dieses Konzept hat sich sehr bewährt und kann auch als wirksame Präventionsmaßnahme angesehen werden.

Bei Kindergarten- und Grundschulkindern ist es allerdings erforderlich, dass die erwachsenen Personen einen wachen Blick auf die Ereignisse haben und den Kindern helfen, konstruktiv mit Gewaltsituationen umzugehen.

Mobbing hat es schon immer gegeben. Vermutlich haben wir nicht wahrgenommen oder wollten nicht wahrhaben, dass schon kleine Kinder zu solchen Verhaltensweisen fähig sind. Ich habe mich vor 12 Jahren zum ersten Mal mit dem Phänomen beschäftigt und erinnere mich noch sehr genau, wie ich mich um die Verwendung des Begriffs "Mobbing" gedrückt habe. Ich habe damals von Desintegrationserfahrungen gesprochen.

Kinderbuch-Couch:
Sie arbeiten seit etlichen Jahren mit Kindern, die mobben und gemobbt werden, zusammen. Welche Faktoren spielen zusammen, dass Kindergarten- und Grundschulkinder zu Mobbern und Mobbingopfern werden?

Dr. phil. Karl Gebauer:
Die Lebenssituation von Mobbern zeichnet sich durch große Unsicherheit aus. Oft haben spätere Täter während ihrer Kindheit nicht die Zuwendung und Beachtung erfahren, die zu einem gesunden Selbstwertgefühl führt. Manchmal sind sie selbst Opfer von Demütigungen und Gewalt gewesen. Die inneren Muster eines Mobbers kann man als Versuch ansehen, eigene Ohnmachtserfahrungen zu überwinden, indem er gegenüber Schwächeren Macht ausübt. Es geht um den untauglichen Versuch, eigene Unsicherheit und Angst in ein Gefühl von Sicherheit zu verwandeln. Mobbing lässt sich aber nicht nur aus frühkindlichen Mangelerfahrungen erklären. Krisen und Schicksalsschläge in einer Familie können zu Verunsicherungen führen. Auch die Phase des Erwachsenwerdens, die mit der Pubertät eingeleitet wird, hält viele Verunsicherungen bereit. Sicherheit verschaffen sich Jugendliche dann überwiegend über gelingende Freundschaften. Die aber sind oft brüchig. So entsteht die paradoxe Situation, dass das starke Verlangen nach einer sicheren Freundschaft dann in eine Mobbingsituation umschlagen kann, wenn der Wunsch nicht in Erfüllung geht!

Kinderbuch-Couch:
Viele Mobbingopfer bitten ihre Eltern darum, sich nicht an die ErzieherInnen und Lehrkräfte zu wenden. Was sollten die Eltern betroffener Kinder unternehmen?

Dr. phil. Karl Gebauer:
Es gibt kein Patentrezept für gelingende Vorgehensweisen. Allerdings sollten Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräfte den Grundsatz beherzigen, nichts ohne Wissen und ohne die Zustimmung des Opfers zu unternehmen. Hier werden oft große Fehler gemacht, die die Situation des Opfers in einem unerträglichen Maß steigern können. Man muss beachten, dass das Selbstwertgefühl und damit die Selbstsicherheit eines Opfers weitgehend ausgelöscht worden sind. Es ist nur noch eine Restsicherheit vorhanden und Eltern können sich glücklich schätzen, wenn sich ihr Kind ihnen anvertraut. Würden sie nun ohne Wissen oder gar gegen den Willen des Kindes aktiv, dann besteht die Gefahr, dass ein Kind auch den verbliebenen Rest an Vertrauen verliert und damit völlig handlungsunfähig wird. Erwachsene machen sich das Dilemma, in dem sich ein Mobbingopfer befindet - gerade wenn es sich um ein kleines Kind handelt - nicht immer klar. Kinder durchschauen ihre hilflose Situation sehr genau. Wenn ihnen bewusst wird, dass die anwesende Erzieherin von den Vorgängen nichts wahrnimmt, für sie also keinen Hilfe bringt, wie sollten es dann die Eltern können, die ja weit entfernt vom Geschehen sind.

Kinderbuch-Couch:
Wie sollten ErzieherInnen und Lehrkräfte auf ein Mobbing innerhalb der ihnen anvertrauten Kindergruppe regieren?

Dr. phil. Karl Gebauer:
Eltern sollten mit Interesse die Entwicklung ihrer Kinder begleiten, ein waches Auge und ein offenes Ohr für ihre Signale haben. So können sie am ehesten wahrnehmen, ob ihr Kind in irgendeiner Weise in eine Mobbingsituation verstrickt ist. Gibt es eine solche Vermutung, dann sollte umgehend in vertrauensvollen Gesprächen mit anderen Eltern, mit den Lehrerinnen und Lehrern versucht werden, die Situation zu klären. Dabei wäre zu beachten, dass das Opfer in den Prozess mit einbezogen werden muss.
Oft verstehen aber Eltern und Lehrer die Signale nicht, durch die uns Betroffene auf ihre Situation aufmerksam machen wollen. Im Nicht-Verstehen oder in der Nicht-Beachtung solcher Zeichen beginnt bereits die Verstärkung von Mobbing.

Erzieherinnen und Lehrer müssen Ausgrenzungen wahrnehmen und als Machtdemonstrationen begreifen, die sich Schüler oder Schülerinnen vor ihren Augen erlauben. Wenn Lehrkräfte eine solche Situation nicht richtig einordnen, dann gerät das Opfer in eine hoffnungslose Lage. Merken das die Mobber, werden sie immer mächtiger und können sich noch mehr erlauben. Insofern können Erzieherinnen und Lehrkräfte, die das nicht beachten, Mobbing-Prozesse begünstigen. Ganz anders aber entwickelt sich eine Situation, wenn die erwachsenen Personen kompetent eingreifen. Wird eine Mobbing-Situation aufgedeckt, verlieren Mobber und Mitläufer ihre Macht.

So schmerzlich eine Mobbingsituation für die Betroffenen ist, sie bietet auch die Chance, über einen konstruktiven Dialog zu neuen Einsichten und Bewertungen und damit zu einer Erweiterung der eigenen psychosozialen Kompetenz zu kommen.

Der konstruktive Umgang mit Mobbing muss gelernt werden. In den vergangenen Jahren haben sich Lehrer verstärkt um Konfliktregelung und Gewaltprävention in der Schule bemüht. Hier sind große Fortschritte erreicht worden. Mobbing kann allerdings nur erfolgreich bearbeitet werden, wenn man die innere Dynamik solcher Prozesse versteht. Im Kern geht es um die intensive Erfahrung von Ohnmacht, Scham und Angst auf der Opferseite. Ein Mobbingopfer verliert jegliche Orientierung und Sicherheit. Denn es sind plötzlich alle Beziehungen zu Mitschülern unterbrochen. Auch das Vertrauen in Freundschaften geht verloren.

Wird eine Schülerin oder ein Schüler Opfer von Mobbing, so führt das in der Regel zu einem fassungslosen Staunen. Opfer können die Ereignisse mit ihren Verstehensmustern nicht zur Deckung bringen. "Das darf doch nicht wahr sein, was die mit mir machen", ist ein häufiger Ausspruch. Wenn diese Schüler keine zugewandte Unterstützung erhalten, kann es in der Folge zu Entwicklungen kommen, die sich über lange Zeiträume hinziehen und nicht nur das Lernvermögen der betroffenen Schülerinnen und Schüler einschränken, sondern vor allem ihr gesundheitliches Befinden beeinträchtigen und ihr Selbstwertgefühl schwächen.

Bei dem Mobber hingegen wächst mit der Zahl der Mitläufer das Gefühl von Macht. Er entwickelt Größenphantasien.

Eine erfolgreiche Bearbeitung einer solchen Situation, die von intensiven Gefühlen geprägt ist, setzt voraus, dass in Klärungsgesprächen diese Gefühle thematisiert werden. Da Erzieherinnen und Lehrkräfte solche Formen in ihrer Aus- oder Fortbildung in der Regel nicht gelernt haben, ist es wichtig, sich diese emotionale Kompetenz in kleinen Gruppen anzueignen.

Kinderbuch-Couch:
Gibt es Möglichkeiten, einem Mobbing in Kindergarten und Grundschule vorzubeugen?

Dr. phil. Karl Gebauer:
Es ist notwendig, über Schutzfaktoren nachzudenken, die die Gefahr einer Verwicklung in Mobbingsituationen möglichst gering hält. Ein gut ausgebildetes Selbstwertgefühl gehört zu den wichtigsten Schutzfaktoren. Kinder und Jugendliche mit einem guten Selbstwertgefühl sprechen die Ereignisse, die bei Mobbing stattfinden, relativ schnell mit Personen ihres Vertrauens an. Das können die Eltern, Mitschüler oder Lehrkräfte sein. Eine fatale Verstärkung erfahren Mobbingprozesse allerdings, wenn die angesprochenen Personen den Ernst der Situation nicht erfassen oder nicht angemessen reagieren. Damit schwächen sie die Position des Opfers und stärken die Macht der Mobber.

Wenn es den Erzieherinnen und Lehrkräften gelingt, Mobbing in behutsamer Weise zu bearbeiten, dann können alle Beteiligten daraus einen Nutzen ziehen. Sie sind künftigen Mobbingsituationen nicht mehr hilflos ausgeliefert.

Das gilt für Täter und für Opfer. Aufgedeckte und bearbeitete Mobbing-Situationen tragen zur Entwicklung psychosozialer Kompetenz bei. Sie schaffen auf diese Weise einen Schutz vor künftigen Mobbingsituationen. Die Lösung liegt u.a. darin, dass Täter die Erfahrung machen, es gibt Menschen, die ein Interesse an mir und meinen Gefühlen haben. Unbeachtete und unbearbeitete Mobbingsituationen hingegen können ihre destruktive Wirkung auf die beteiligten Kinder voll entfalten.

Kinderbuch-Couch:
Herzlichen Dank für das Interview.

  

Das Interview führte Alexandra von Plüskow

Zur Person

Dr. phil. Karl Gebauer

Dr. phil. Karl Gebauer, ehemaliger Schulleiter, ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zu Erziehungs- und Bildungsfragen. Zuletzt ist von ihm erschienen: "Klug wird niemand von allein." (2007) Patmos Verlag, Düsseldorf. Er ist Mitinitiator und Leiter der Göttinger Kongresse für Erziehung und Bildung. Weitere Informationen unter: www.gebauer-karl.de