07.2009 Die in Wien lebende Autorin und Übersetzerin Gudrun Likar, die dort auch ein Lektoratsbüro unterhält, nimmt nun schon mit ihrem zweiten Buch „Prinzessin Fibi und der Drache" auf der Kinderbuch-Couch Platz. Ihr Bilderbuch „Keine Angst vor gar nichts" war im Monat Juni unser Kinderbuch des Monats. Beide Kinderbücher sind beim Tulipan Verlag in Berlin erschienen.

Gudrun Likar, geboren 1963 in Bruck/Mur in der Steiermark, hat in Wien Theaterwissenschaft und Germanistik studiert. Sie übersetzt Jugendbücher wie „Frederik liebt Maria liebt Victor" und brachte zusammen mit Britta Groiß mit „Mut im Bauch" ein Jugendbuch heraus, das mit seinen vielfältigen Kurzgeschichten zu mehr Zivilcourage im Alltag auffordert.

Ohne Humor wäre das Leben nicht zu ertragen. Weder im Bilderbuch noch sonst wo...

Kinderbuch-Couch:
Es scheint, als würden Sie sich in diesem Jahr ganz der Kinderliteratur widmen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Tulipan Verlag in Berlin?

Gudrun Likar:
Eine Freundin erzählte mir, dass es da in Berlin einen neuen Kinderbuchverlag gebe. Also habe ich Frau Schwarz einfach auf gut Glück das Manuskript zu „Keine Angst vor gar nichts" zugeschickt - es gefiel ihr auf Anhieb, und das war's.

Ein paar Wochen danach fragte sie mich, ob ich vielleicht einen Erstlesetext in der Schreibtischlade hätte. Hatte ich zwar nicht - aber es war gerade Sommer, ich hatte genügend Zeit, und dann tauchte plötzlich die Prinzessin Fibi auf.

Kinderbuch-Couch:
Wann und warum haben Sie sich entschlossen, Kinderbücher zu schreiben?

Gudrun Likar:
Es war eigentlich kein Entschluss - ich hatte einfach Lust dazu.

Nach dem Studium wollte ich unbedingt als Lektorin in einem Kinderbuchverlag arbeiten. Aus dem Gefühl heraus, dass Bücher für Kinder WIRKLICH Bedeutung haben. (Wobei ich wohl hauptsächlich meine eigenen kindlichen Leseerlebnisse im Kopf hatte.) Das klappte zwar nicht gleich - aber es bot sich die Möglichkeit, zwei Jahre als Dramaturgin am Theater der Jugend zu arbeiten. Daneben begann ich, Kinder- und Jugendbücher zu rezensieren, und irgendwann wurde es dann auch was mit dem Kinderbuchverlag (in dem ich bis 2001 arbeitete). Als ich mich selbstständig machte, ergaben sich erste Übersetzungsaufträge - und schließlich, noch einmal ein paar Jahre später, fing ich zu schreiben an.

Kinderbuch-Couch:
Hat das Übersetzen einen Einfluss auf Ihre Arbeit als Autorin?

Gudrun Likar:
Nicht wirklich. Oder höchstens in dem Sinn, dass man als „Spracharbeiterin" (egal, ob als Autorin, Übersetzerin oder Lektorin) daran gewohnt ist, genau, respektvoll und bewusst mit Sprache umzugehen.

Kinderbuch-Couch:
Was inspiriert Sie zu Ihren Geschichten?

Gudrun Likar:
Das ist ganz unterschiedlich. Am Anfang steht manchmal ein Name, ein Titel oder ein Satz (oft der erste). Und daraus entsteht dann eine Geschichte (oder auch nicht).

Kinderbuch-Couch:
Was war die zündende Idee zu dem eigenwilligen Charakter von Prinzessin Fibi?

Gudrun Likar:
Ich war 2001 drei Monate in Australien unterwegs und wohnte eine Woche in Brisbane bei einer befreundeten Familie - einem Ehepaar mit zwei Kindern, Phoebe und Felix. Aus Phoebe wurde im Deutschen dann Fibi - und allein der Klang dieses Namens in Verbindung mit der realen Phoebe, die damals fünf war, löste eine sehr klare Vorstellung in mir aus, was für eine Art Prinzessin so eine Fibi sein könnte. Nämlich bestimmt keine, die dem Klischee entspricht ...

Es spielen sicher auch eigene Kindheitserinnerungen mit hinein - ich kletterte liebend gern auf Bäumen herum, spielte Fußball und schleuderte Speere. Und der Werkzeugkasten ist wohl eine Hommage an all die „Bastlermänner" in meiner Familie - an meinen Großvater, meinen Vater und meinen Freund.

Kinderbuch-Couch:
„Prinzessin Fibi und der Drache" ist in der Erstlesereihe „Tulipan ABC" erschienen. „Prinzessin Fibi" gehört zur Lesestufe B und ist geeignet für Leser ab 7 Jahren. Was muss Ihrer Meinung nach beachtet werden, wenn Kinder beginnen selbst zu lesen?

Gudrun Likar:
Die Geschichten müssen ihnen Spaß machen! Das ist das Wichtigste überhaupt. Die Kinder sollen gefordert, aber nicht überfordert werden. Neben den Mühen der Ebene muss es also immer wieder auch kleine Lesetriumphe geben. Und man sollte ihnen auch weiterhin vorlesen - bis sie von sich aus nur mehr selber lesen wollen.

Kinderbuch-Couch:
Welche „Tricks" muss man als Autorin anwenden, um die kleinen Leser zum Weiterlesen zu motivieren?

Gudrun Likar:
Die Geschichte muss spannend genug sein, dass sie gerne weiterlesen - auch wenn's ein bisschen schwerfällt. Sie müssen sich in der Figur irgendwie wiedererkennen. Und es kann nicht schaden, wenn es ab und zu auch was zu lachen gibt. Und die Bedeutung der Illustrationen ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. (An dieser Stelle ein dreifaches Hoch auf Frau Olten und Frau Büchner!).

Kinderbuch-Couch:
Sowohl bei „Prinzessin Fibi", das von Sabine Büchner illustriert wurde, als auch bei „Keine Angst vor gar nichts", das Sie zusammen mit Manuela Olten gemacht haben, fällt auf, dass Text und Illustration ein sehr harmonisches Gesamtkonzept ergibt. Haben Sie in beiden Fällen besonders eng mit den Illustratorinnen zusammengearbeitet?

Gudrun Likar:
Nein, gar nicht. Es ist dem Tulipan Verlag zu verdanken, dass er für beide Texte die absolut „richtigen" Illustratorinnen gefunden hat. Sobald der Text fertig ist, gebe ich ihn - im wahrsten Sinn des Wortes - aus der Hand. Er soll so etwas wie das Sprungbrett für den Illustrator sein - wie er dann springt, ist ganz ihm überlassen. Mir ist beim Schreiben aber wichtig, dass der Text nicht alles ausformuliert - dass dem Illustrator noch genügend Spielraum (wörtlich verstanden als Raum zum Spielen) für seine Bilder bleibt. Schließlich heißt es nicht von ungefähr „Bilderbuch" ....

Kinderbuch-Couch:
Bei „Prinzessin Fibi" ist mir das vielfältige Spiel mit der Sprache und die teilweise ungewöhnliche wie auch fantasievolle Wortwahl aufgefallen. Ist dies ein ganz gezielt eingesetztes Mittel?

Gudrun Likar:
Ja - spielerisch mit Sprache umzugehen, ist ein ganz eigenes Vergnügen. Für den Autor - und hoffentlich auch für die Leser.

Kinderbuch-Couch:
Was ist konzeptionell besonders bei den Zielgruppen „Bilderbuch" und „Erstlesebücher" zu berücksichtigen?

Gudrun Likar:
Beim Bilderbuch: Die Leser ernst nehmen und den Text nicht überladen - weder in Hinblick auf die Geschichte noch auf die Sprache.
Beim Erstlesebuch: Die Leser ernst nehmen und sprachlich altersadäquat schreiben - wie schon vorher gesagt: Fordern, aber nicht überfordern.

Kinderbuch-Couch:
Bei beiden Büchern fällt auf Anhieb der humorvolle Blick und die originelle Art auf, wie Sie Geschichten erzählen und sogar ein ernstes Thema wie Angst ganz unverkrampft und mit einem Augenzwinkern vermitteln. Wie wichtig ist Ihnen der Humor in Ihren Kinderbüchern?

Gudrun Likar:
Ohne Humor wäre das Leben nicht zu ertragen. Weder im Bilderbuch noch sonst wo.

Kinderbuch-Couch:
Was glauben Sie, welche Literatur hat Sie in Ihren Kindertagen am meisten geprägt?

Gudrun Likar:
Ich war die klassische Leseratte. (Fernsehen gab's nur am Wochenende bei den Großeltern - und da die einen großen Garten hatten, waren mein Bruder und ich auch dort mehr draußen als drinnen.) Und ich habe so gut wie alles verschlungen. Bilderbücher, Kinderbücher, Jugendbücher, Comics - was mir eben in die Hände fiel. Und meine Eltern sind bei der Buchauswahl sehr sorgfältig und überlegt vorgegangen. Ich glaube, ich habe so gut wie alle Klassiker der österreichischen Kinderliteratur der Sechziger- und Siebzigerjahre gelesen. Und danach eigentlich mein ganzes Leben lang immer weitergelesen ....

Kinderbuch-Couch:
Haben Sie immer noch Lieblingsautoren aus dieser Zeit?

Gudrun Likar:
Roald Dahl („James und der Riesenpfirsich"), Astrid Lindgren („Rasmus und der Landstreicher"), Brigitte Harum („Der geheimnisvolle Stern"), Mira Lobe („Die Omama im Apfelbaum", „Insu-Pu", „Bärli hupft weiter"), Denys Watkins-Pitchford „Die Wichtelreise" - das waren die absoluten Lieblingsbücher meiner Kindheit. Den „Gegenwartstest" überstehen nicht alle davon gleich gut. Aber ich kann noch immer verstehen, was mich an ihnen so fasziniert hat und warum sie mir so viel bedeutet haben.

Kinderbuch-Couch:
Brauchen Sie einen bestimmten Ort, um ganz frei und unbeeinträchtigt schreiben zu können?

Gudrun Likar:
Nein. Aber Stille.

Kinderbuch-Couch:
Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Gudrun Likar:
Es gilt das eherne Gesetz für Selbstständige: Entweder es ist zu wenig zu tun oder zu viel. Dazwischendrin gibt's eigentlich nicht. In ersterem Fall komme ich viel zum Lesen, Nachdenken und Schreiben. In zweiterem Fall sitze ich zwischen acht und zwölf Stunden am Schreibtisch, und Lesepausen gibt's nur zwischendurch. Schreiben funktioniert in diesen Phasen gar nicht - weil der Kopf zu voll mit anderen Texten ist.

Kinderbuch-Couch:
Gerne frage ich Autoren nach ihren ganz persönlichen Kritikern - sie gehören häufig zum Freundeskreis oder zur Familie und geben erste wichtige Impulse. Wer könnte das bei Ihnen sein?

Gudrun Likar:
Mein Freund, der Drehbücher schreibt und ein hervorragendes Gespür für Dramaturgie hat. Und eine Freundin, die in einem Kinderbuchverlag arbeitet, einen unbestechlichen Blick für Ungereimtheiten hat und auch die härteste Kritik so formulieren kann, dass ich danach NICHT beschließe, niemals in meinem Leben auch nur mehr eine einzige Zeile zu Papier zu bringen.

Kinderbuch-Couch:
Wie sehen Ihre weiteren Projekte aus? Würden Sie sich wünschen, dass das Kinderbuch in Zukunft einen Schwerpunkt Ihrer Arbeit ausmacht?

Gudrun Likar:
Ich hoffe es! Im Moment gibt es zwei Bilderbuchtexte, die auf ihre Letztüberarbeitung warten. Und ein paar Ideen, von denen nicht klar ist, ob je Geschichten daraus werden.
An längerfristige Ziele glaube ich nicht so recht - siehe John Lennon, „Beautiful Boy": „Life is what happens to you / While you're busy making other plans."
Und ja, es wäre wunderbar, wenn das Kinderbuch mehr Raum in meiner Arbeit einnähme! Aber das ist von so vielen Faktoren abhängig - und nicht alle liegen in meiner Macht. Aber schön wäre es - keine Frage! Ich arbeite jedenfalls daran ....

Kinderbuch-Couch:
Herzlichen Dank für das Interview.

  

Dieses Interview führte Stefanie Eckmann-Schmechta.

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