Ein erfrischend anderes Kinderbuch über Inklusion und Vielfalt.
Eine Prinzessin, die in einen tiefen Schlaf fällt und schließlich von einem wundervollen Prinzen gerettet wird - genau, das kann doch nur „Downröschen“ sein. Und wer kennt nicht auch Jochen Günther, der von allen nur „Humpelstilzchen“ genannt wird, weil er sich anders bewegt? Von „Händikäppchen“ und ihrem besten Freund, dem Wolf, haben bestimmt auch schon die meisten gehört. Wie, nein? Niemand kennt diese tollen, bunten Märchen? Dann ist es jetzt höchste Zeit, das zu ändern. Denn Mari nimmt uns mit auf eine Reise in ihre Fantasie.
Wer ist Mari? Mari ist ein Kind wie alle anderen: Sie lacht viel und gerne, spielt, isst, trinkt, weint, schläft, tanzt, macht Pipi und Kacka, geht in die Schule, liebt Bücher und Fernsehen, will am liebsten immer was Süßes essen (aber kein Gemüse) und hasst lange Autofahrten. Ganz normal also, oder? Ein bisschen was ist jedoch anders bei Mari: Sie hat das Angelman-Syndrom, einen seltenen Gendefekt. Dadurch kann sie nicht sprechen, ist immer in Bewegung und manchmal sorgt ein „Grank“ für einen Kurzschluss. Obwohl das mit der Sprache so eine Sache ist, hat Mari aber trotzdem ganz schön viel zu erzählen - zum Beispiel Märchen.
Mari ist zurück
Es ist bereits das zweite Kinderbuch, das Shari und André Dietz über ihre Tochter Mari schreiben. Nach dem Bilderbuch „Ich bin Mari“, in dem Mari sich, ihre sechsköpfige Familie und das normal-andere Leben mit einem Gendefekt vorstellt, nähert sich der neueste Titel dem Thema nun auf eine ganz eigene Weise.
Zielgruppe sind laut Verlag Kinder ab 6 Jahren. Da für das Verständnis der Märchen, Anspielungen und Verdrehungen auf der Handlungsebene schon etwas Vorwissen vorausgesetzt wird, eignet sich das Buch meines Erachtens am besten zum Vorlesen. Außerdem werden bestimmt einige Fragen zum Thema Behinderung aufkommen, die gemeinsam besprochen werden können. Auch für Schulklassen wäre die Geschichtensammlung ein geeigneter Gesprächseinstieg, um Inklusion und Diversität in der Gemeinschaft zu stärken.
Den Rahmen der kurzen Erzählungen bilden ein Kapitel, in dem Mari sich vorstellt, sowie ein abschließendes „Nachwort“ („Was ich euch noch sagen wollte“), das ein paar alltägliche und sprachliche Unsicherheiten (z.B. „Behinderung“ oder „Handicap“) sowie Symptomatiken erklärt. Vermutlich müssen sich gerade beim letzten Kapitel auch die älteren Leserinnen und Leser mal an die eigene Nase fassen. Wer wusste zum Beispiel, dass ein Rollstuhl nicht immer bedeutet, dass der- oder diejenige nicht laufen kann? Für Mari ist er vielmehr eine Stütze, sich auf eine Sache zu konzentrieren und nicht in eine ganz andere Richtung zu laufen als der Rest der Familie.
„‚ … Wir sind alle gleich. Mit Fell oder ohne, mit großem Maul oder sanfter Stimme, mit großen Augen oder kleinen, laufend oder rollend, egal welche Klamotten wir tragen, wen wir lieb haben und an was wir glauben oder an was nicht.‘“
In Maris Märchenwelt bekommen die altbekannten Klassiker einen neuen Anstrich. So hat Rosi das Down-Syndrom und wird von den Dienern, Zofen und vielen anderen Untertanen als „Downröschen“ gehänselt. Um sie vor der Welt zu schützen, bitten ihre Eltern Rosi, im Zimmer zu bleiben. Vor lauter Langeweile fällt sie irgendwann in einen tiefen Schlaf - und mit ihr das gesamte Schloss und der Hofstaat. Prinz Henry, der eigentlich Henry Prinz heißt, schlendert mit leerem Handyakku Jahrhunderte später am schlummernden Schloss vorbei, entdeckt Rosi und weckt sie auf. Henry versteht die ganze Aufregung um das „Anderssein“ von Rosi nicht und macht ihr Mut, sich nicht zu verstecken. Zurück in ihrer Zeit weiß Rosi schließlich, was zu tun ist: Sie ist großartig, genau so, wie sie ist, und das wird sie allen anderen auch zeigen. Und ist nicht jeder und jede ein bisschen anders als die anderen?
Diese wunderbare Message findet sich auch in allen anderen Geschichten wieder: Keiner kann alles, der eine kann dies besser, die andere das. Manchmal sind es Eigenschaften, manchmal Äußerlichkeiten. So what? Warum zeigt man mit dem Finger auf jemanden, nur weil dieser Probleme beim Laufen hat, so wie Jochen Günther im „Humpelstilzchen“? Am Ende rettet genau dieser Jochen, dessen Namen alle anfangs nicht kennen, übrigens das königliche Kind. Die Tatsache, dass die Namen von Märchenfiguren häufig ihr Äußeres beschreiben, wird in diesem Buch spielerisch adaptiert, aufgedeckt und über Bord geworfen. Rubina-Rosetta findet ihren Spitznamen „Rotkäppchen“ zwar eigentlich ganz cool und viel einfacher, aber mit „Händikäppchen“ ist sie gar nicht einverstanden. Ja, sie sitzt im Rollstuhl, aber was nimmt sich der Jäger raus, sie so zu nennen? Und warum ist er so fies zu ihrem Freund Wolfgang, dem Wolf? Nur weil Wolfgang ganz und gar nicht wölfisch, zu allen lieb und nett ist und am liebsten einen geblümten Morgenmantel samt Haube trägt? Höchste Zeit, dem Jäger mal eine Lektion in Sachen Toleranz zu erteilen.
Eine liebevoller Blick auf den Gegenüber, gepaart mit einer Prise Humor und Leichtigkeit - so entstehen hier kleine wunderbare Geschichten, in denen wirklich alle Platz haben. Sehr gut gelungen sind auch die beiden Episoden, in denen Mari selbst die Hauptrolle spielt. Ihre Unerschrockenheit macht ihren Eltern oft Sorgen, denn ein bisschen mehr Angst würde in Gefahrensituationen helfen. Also zieht Mari los, um das Fürchten zu lernen - und muss dabei sehr oft lachen. Dann ist da noch das Kapitel über den „Grank“, das einen epileptischen Anfall, wie ihn Mari öfter mal hat, fantasievoll umschreibt.
Ohne die grandiosen Illustrationen von Saskia Gaymann wäre die Märchensammlung jedoch nur halb so schön. Vor allem das humorvolle Spiel mit der Mimik ist einmalig, die Emotionen sind förmlich spürbar. Die Behinderungen werden immer offen, aber sensibel dargestellt, bilden jedoch nie den Schwerpunkt, da die Figuren eben nicht darauf zu reduzieren sind. Text und Bild harmonieren hier eindrucksvoll.
Fazit
Ein originelles Kinderbuch zum Thema Inklusion und Vielfalt, das auf märchenhafte Weise Berührungsängste abbaut und Aufklärung leistet. Auch erwachsene Leserinnen und Leser werden hier bestimmt etwas mitnehmen.

Shari Dietz, André Dietz, Carlsen



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