Ross Welford

04 | 2019 Ross Welfords abenteuerliche Geschichte über das Unsichtbarwerden - "Was du niemals tun solltest, wenn du unsichtbar bist" - ist bereits sein zweiter, durchweg überzeugender Roman für junge Leser/innen und wurde von uns zum Buch des Jahres 2018 gekürt. Darüber und über sein neues Buch "Der 1.000-jährige Junge" sprach mit dem Autor Stefanie Eckmann-Schmechta.

Ich nenne meinen Schreibprozess gern „mit meinen unsichtbaren Freunden spielen gehen“. Ich sehe die Szenen vorm inneren Auge, manchmal spiele ich sie auch durch.

Kinderbuch-Couch.de: zunächst einmal möchte ich Ihnen noch einmal persönlich gratulieren zum „Kinderbuch des Jahres 2018“ auf der Kinderbuch-Couch. Wie geht es Ihnen mit der Auszeichnung?

Ross Welford: Ich bin total begeistert und stolz, einen Preis aus dem Ausland erhalten zu haben. Das ehrt mich wirklich sehr. Vielen Dank!

Kinderbuch-Couch.de:Welche Resonanz bekommen Sie aus den anderen Ländern, in denen Ihre Bücher veröffentlicht werden?

Ross Welford: Ich freue mich riesig über Feedback von nicht-englischsprachigen Lesern. Die meisten Zuschriften bekomme ich aus Deutschland und Spanien. Letzte Woche hat mir jemand aus Korea getweetet, das war auch cool.

Kinderbuch-Couch.de: Sie halten auch Lesungen vor Schulklassen. Wie sieht Ihr Programm aus und welche Reaktionen erhalten Sie von Ihrem Publikum?

Ross Welford: Für Schulen und Literaturveranstaltungen habe ich eine Show, die ich „Der Zauber des Lesens“ nenne. Sie widmet sich dem Abenteuer und dem Spaß des Geschichtenausdenkens. Da ist auch eine PowerPoint-Präsentation dabei. Im Grunde ist es wie ein TED-Talk, über Bücher und für Kinder! Zauberei war immer schon eines meiner Hobbies (ich bin Mitglied im Magic Circle),deshalb baue ich auch ein paar Zaubertricks in meine Vorträge ein. Das Publikum ist hellauf begeistert, und das wirklich jedes Mal!

Kinderbuch-Couch.de: Was verbirgt sich hinter ihrem Aufruf zum „Re-Writing Competition 2018 – 19“? Haben Sie schon interessante Zuschriften der Kids erhalten? Welche Pläne haben sie diesbezüglich?

Ross Welford: In meiner Show improvisiere ich eine Geschichte aus Publikumsvorschlägen. Das ist immer zum Totlachen! Aber ich möchte betonen, was schon Roald Dahl so treffend formuliert hat: „Gut schreiben bedeutet im Grunde nichts anderes als um-schreiben“ („Good writing is essentially rewriting“). Ich möchte das Publikum dazu animieren, die improvisierte Geschichte, die wir da erschaffen haben, UMZUSCHREIBEN, sich zu Eigen zu machen und mit der individuell neuen Version am Wettbewerb teilzunehmen. Es gab schon so schöne Beiträge! Die meisten halten sich relativ nah ans Original, aber die besten kommen von den Leuten, die sich getraut haben, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und neue Wege zu gehen.

Kinderbuch-Couch.de: Alle Romane „Zeitreise mit Hamster“, „Was du niemals tun solltest, wenn du unsichtbar bist“ und „Der 1.000-jährige Junge“ erzählen ganz unterschiedliche Geschichten mit sehr verschiedenen Charakteren bzw. Familienkonstellationen, haben aber doch zwei Sachen gemeinsam: Erstens spielen sie alle in einem kleinen Küstenort Englands und zweitens passieren mitten im Alltag ganz unglaubliche Dinge wie Zeitreisen, Unsichtbarwerden oder das Wunder, dass ein Kind nie älter als 11 Jahre wird. Das klingt doch nach einem Geheimrezept, das sie gefunden haben, ist es nicht so?

Ross Welford: Ein „Geheimrezept“ … schön wär’s! Aber es stimmt: was Sie da beschreiben, klingt nach meiner eigenen „Marke“, über die ich aber mehr oder weniger gestolpert bin. Einerseits ist das ganz hilfreich: die Entscheidung, worüber ich als nächstes schreiben soll, fällt mir leicht, weil ich schnell abstecken kann, was in ein „Ross Welford“-Buch passt. Andererseits schränkt einen das manchmal ein bisschen ein. (Ob ich z.B. jemals zu meiner im spanischen Stierkampfmilieu des 19. Jahrhunderts angesiedelten, ultrabrutalen Familiendrama-Trilogie kommen werde …?)

Kinderbuch-Couch.de: Woraus schöpfen Sie Ihre Ideen – auch zu Ihren lebendigen Charakteren? Wieviel nehmen Sie zum Beispiel aus Ihrer eigenen Kindheit mit in Ihre Romane?

Ross Welford: Das ist eine bunte Mischung. Meine Ideen zur zentralen Prämisse muss ich mir immer erst ein wenig durch den Kopf gehen lassen, bevor ich mir dann sage: „Okay, da versuche ich mal eine Geschichte draus zu machen…“ Und wenn ich dann anfange, kommt irgendwann der ganze Rest von selbst dazu. Das kann auf Orten oder Leuten basieren, die ich kenne, oder auf Gesprächsfetzen, die ich irgendwo aufgeschnappt habe. Da ich über die Gegend schreibe, in der ich aufgewachsen bin (auch wenn ich dort mittlerweile nicht mehr lebe), schleichen sich zwangsläufig auch Kindheitserinnerungen mit ein.

Kinderbuch-Couch.de: Welcher Ihrer Charaktere wäre Ihnen als Kind wohl am ähnlichsten? Aidan vielleicht aus „Der 1.000-jährige Junge“?

Ross Welford: Gut geraten! Aber leider falsch. Es ist ganz klar Boydy aus „Was du niemals tun solltest, …“. An einer Stelle führt er sogar einen Zaubertrick vor!

Kinderbuch-Couch.de: Als Fernsehproduzent wissen Sie natürlich, wie gute Stories aussehen müssen. Ihre Romane lesen sich auch wie ein Film, man hat die Situation wirklich vor Augen. Geht es Ihnen beim Schreiben auch so? Sehen Sie alles vor sich?

Ross Welford: „Wie ein Film“, das gefällt mir. Ja, so in etwa (manchmal allerdings auf schon etwas abgenutztem Zelluloid). Ich nenne meinen Schreibprozess gern „mit meinen unsichtbaren Freunden spielen gehen“. Ich sehe die Szenen vorm inneren Auge, manchmal spiele ich sie auch durch, z.B. bei körperlichen Handlungen oder Kampfsequenzen. Wenn ich mich etwa bis zur Hälfte eines Buches geschrieben habe, bin ich mit den Charakteren schon recht vertraut: wie sie aussehen, wie ihre Stimmen sich anhören usw. Ich kann sie in meinem Kopf quasi positionieren, arrangieren, umstellen oder ihre Dialoge antesten. Manchmal merke ich dann hinterher, dass ich einige Seiten produziert habe, und denke mir: „Wo kommen die denn her?“ Als hätten die Figuren selber weitergeschrieben. Alles ganz schön eigenartig, um ehrlich zu sein.  

Kinderbuch-Couch.de: Apropos Film: Gibt es vielleicht schon Pläne, einen Ihrer Romane zu verfilmen?

Ross Welford: Derzeit nicht. Aber dieses Interesse aus Deutschland gefällt mir. Setzen Sie sich doch gern mit meinem Agenten in Verbindung!

Kinderbuch-Couch.de: Gäbe es denn eine unglaubliche Sache für Sie, die Sie nicht „ganz logisch“ in unsere Realität einbauen würden oder möchten?

Ross Welford: Ja. Ich würde mir von Herzen wünschen, dass alle Menschen friedlich und frei leben können. Das wäre ein echtes Wunder! Wenn das nicht geht: Zigaretten, die einen nicht ins Grab bringen, wären gut.

Kinderbuch-Couch.de: „The Dog Who Saved the World“ ist ja noch nicht in deutscher Sprache erschienen. Worum geht es in diesem Buch?

Ross Welford: Hui, das wird was ganz Feines! Es gefällt mir bis jetzt am besten (bis es dann abgelöst wird von dem, was ich als nächstes schreiben werde). In „The Dog who saved the World“ geht es um die Hundenärrin Georgie und ihre Freundin, die spleenige Wissenschaftlerin Dr. Emilia Pretorius. Dr. Pretorius hat eine „Virtual Reality“-Kuppel erschaffen, die eine mögliche Zukunft generieren kann. Als ein tödlicher Virus das Leben aller Hunde bedroht, müssen Georgie und ihre Promenadenmischung in die Zukunft reisen, um ein Gegenmittel zu finden.

Kinderbuch-Couch.de: Darf ich so neugierig sein und fragen, welche unglaubliche Idee Sie als nächstes ausbrüten?

Ross Welford: Das ist im Moment noch ein großes Geheimnis, aber so viel kann ich schon mal verraten: Es werden Aliens im Spiel sein. Oder ein Alien. Wahrscheinlich.

Kinderbuch-Couch.de: Herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für meine Fragen genommen haben!

Ross Welford: Immer wieder gerne!

Das Interview führte Stefanie Eckmann-Schmechta im April 2019.
Übersetzt aus dem Englischen von Yannic Niehr.
Foto: © Ross Welford