Aprilkind - Michael Gerharz

08 | 2019 Sigrid Tinz im Gespräch mit Michael Gerharz von Aprilkind - Entwickler der Bilderbuchreihe "Grolltroll".

Der Grolltroll soll zuallererst einmal Spaß machen. Wir haben ihn nicht als erhobenen Zeigefinger konzipiert.

Kinderbuch-Couch.de: Groll und Wut sind keine neuen Themen, weder im Leben mit Kindern noch im Kinderbuch. Der Grolltroll allerdings, der ist neu in der Kinderbuchwelt. Was war zuerst da, die Idee zur Geschichte oder der Troll – der eine Geschichte brauchte?

Michael Gerharz: Zuerst war unsere Tochter da ... Wir saßen morgens am Frühstückstisch und unsere Jüngste – damals 6 Jahre – war noch reichlich knötterig. Wahrscheinlich hatten die älteren Geschwister auch irgendetwas gesagt, was ihr nicht passte, und dann bekam sie das Nutellaglas nicht auf. Sofort war sie auf 180, schimpfte, wie ungerecht alles sei, verschränkte demonstrativ die Arme und man sah ihr förmlich an, wie innerlich das Wutgewitter seinen Anlauf nahm. Trotzdem musste man sie in dem Moment einfach lieb haben, wie sie da saß … wie ein kleiner Troll, der grollt. Ein richtiger Grolltroll eben.

Gute zwei Jahre dauerte danach die Entwicklung. Für das Kuscheltier haben wir sehr viele Ideen ausprobiert, weil wir unbedingt erreichen wollten, dass der Grolltroll auch grollend immer liebenswürdig bleibt.

Ganz früh reifte in uns auch schon das Konzept zu der Grolltroll-Geschichte, denn so ein kleiner Grolltroll steckt in jedem von uns. Mit Barbara van den Speulhof und Stephan Pricken haben wir zwei wunderbare Partner gefunden, die mit uns unsere Ideen zur Geschichte des Grolltrolls perfekt umgesetzt haben.

Kinderbuch-Couch.de: Ihr nennt euch Aprilkind und ihr seid spezialisiert auf solche Konzepte für Kuscheltiere und Geschichten. Und was sagt ihr, wenn ein kleines Kind euch fragt, welchen Beruf ihr habt?

Michael Gerharz: Wir sind Kuscheltier- und Geschichtenerfinder. Wir bringen Kinderaugen auf der ganzen Welt zum Leuchten. Das versteht jedes Kind sofort.

Kinderbuch-Couch.de: Wie genau können wir uns eure Arbeit vorstellen, wie war der Weg vom ersten Gedanken bis zum dem grolligen Zottelwesen, das man ja auch in echt als Kuscheltier kaufen kann? Gab es verschiedene Troll-Varianten? Und wenn ja, warum ist es dieser geworden?

Michael Gerharz Bis wir die optimale Gestalt gefunden hatten, vergingen einige Wochen, in denen nach den ersten Skizzen vor allem viele genähte Grolltroll-Köpfe den Tisch herunterpurzelten. Besonders schwierig war der Klappmechanismus. Wir wollten unbedingt, dass die wütende Klappe beim freundlichen Gesicht komplett verschwindet. Gleichzeitig muss der Plüsch aber leicht zu produzieren sein, darf also nicht so viele Nähte besitzen und muss absolut kindersicher sein. Hier haben wir wirklich sehr viele Varianten probiert, bis wir bei dem endgültigen Mechanismus und dem jetzigen Grolltroll gelandet sind.

Kinderbuch-Couch.de: Habt ihr eine Botschaft oder eine Moral im Blick, als ihr das Grolltrollkonzept entwickelt habt?

Michael Gerharz: Groll und Wut ist heute immer noch ein schwieriges Thema, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Nach außen sollen wir immer fröhlich und gut gelaunt sein. Das wird sogar durch die sozialen Medien noch verstärkt. Da scheint ja jeder immer happy, souverän und gelaunt zu sein. Doch mal ehrlich: Jeder hat einfach mal einen Tag, an dem alles schief geht. Und dann immer einfach alles herunterzuschlucken, ist auch keine Lösung. Und der Grolltroll tut das auch nicht. Er kann seinen Groll eben nicht mehr runterschlucken und gerät in eine Wutspirale. Er merkt dabei aber auch, dass er von einer Wut in die nächste schlittert und mit seiner Wutspirale seine Freunde verschreckt. Am Ende lernt er: Es ist ok, wenn man mal wütend ist. Aber an anderen darf man seine Wut nicht auslassen und wenn man dann mal wütend auf den Boden gestampft hat, dann ist auch wieder gut.

Kinderbuch-Couch.de: Früher bekamen bockige Kinder was auf den Hintern oder vielleicht sogar freundlich und pädagogisch gemeinte Sprüche wie: „Na, hast du ein Böckchen auf der Schulter?“ Der Grolltroll würde sich dafür fast perfekt anbieten. Meint ihr, es könnte funktionieren?

Michael Gerharz: Der Grolltroll soll zuallererst einmal Spaß machen. Wir haben ihn nicht als erhobenen Zeigefinger konzipiert. Trotzdem können wir tatsächlich schon nach so kurzer Zeit in den sozialen Medien beobachten, dass manche Eltern den Ausdruck „Grolltroll“ als Kosename für ihre Kleinen verwenden, um ihre eigenen „Frühstückstisch“-Momente zu beschreiben.

Kinderbuch-Couch.de: Und dem dauergrolligen Grolltroll würde so eine Bemerkung wahrscheinlich auch nicht helfen …

Michael Gerharz: Da ist der Grolltroll wahrscheinlich keine Ausnahme. Grolltroll-Momente sind keine Momente der Vernunft – übrigens weder bei Kindern noch bei Erwachsenen. Wenn einen die ganz große Wut überrollt, dann dringt man mit Worten eben nur noch ganz schwer durch zum Kind.

Uns helfen in solchen Grolltroll-Momenten immer Geduld und Liebe. Denn auch wenn unsere Kinder manchmal richtig wütend sind, so bleiben sie in all ihrem Groll und unter all den Wutgewitterwolken doch immer auch liebenswert. In den Arm nehmen, trösten, ein verständnisvolles Wort bewirken bei uns oft Wunder.

Im Nachhinein, wenn sich die Wogen wieder geglättet haben, lässt es sich viel leichter über Groll und Wut reden. Und vielleicht hilft der Grolltroll dann ein wenig, indem er den Kindern einen Spiegel vorhält. Sie verstehen – erst recht in der Kombination mit Buch und Plüsch, welche Gefühle sie bei anderen auslösen und welche Konsequenzen ihr Groll hat. Vielleicht ist das Wutgewitter dann beim nächsten Mal genauso schnell wieder weg, wie es gekommen ist.

Kinderbuch-Couch.de: Dass es ihn als Plüschtier gibt, haben wir schon erwähnt. Alle, die ihn sozusagen leibhaftig und nicht nur als Buchfigur kennen lernen finden die grimmige Variante viel niedlicher als die gut gestimmte. Ist das Zufall oder war es Absicht?

Michael Gerharz: Genau wie bei Menschen sollten wir einfach jeden so nehmen wie er ist. Und wir lieben den Grolltroll, egal ob er grimmig oder fröhlich ist. Aber es stimmt auch: Wir wollten unbedingt erreichen, dass der Grolltroll auch dann, wenn er grollt, immer noch liebenswert bleibt. Genauso wie wir unsere Tochter  damals in ihrem Groll einfach immer noch lieb haben mussten, so sollte es auch mit dem Grolltroll sein. – genau wie unsere Tochter.

Kinderbuch-Couch.de: Band 1 läuft super, Band 2 ist gerade erschienen, was kommt noch vom Troll?

Michael Gerharz: Band drei.

Das Interview führte Sigrid Tinz im August 2019.
Foto: © Steffi und Michael Gerharz / Aprilkind